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33 people found this review helpful
52.4 hrs on record (26.2 hrs at review time)
Ich schreibe generell keine Spielerezensionen, jedoch war es mir wichtig dies bei Life is Strange zu tun.

Was Life is Strange ist und was es erzählen möchte kann ja in zahlreichen Reviews und anderen Meinungen nachgelesen werden. Ich möchte deshalb hier grundsätzlich meine persönliche Meinung einfließen lassen.

Das Spiel gehört momentan zu den besten interaktiven „Film“spielen die es gibt. Es schlägt meiner Meinung nach auch deutlich die Spiele von Telltale.

Warum ist das so?
Life is Strange tut etwas was Spiele heutzutage viel zu selten tun. Es lässt sich Zeit und entschleunigt das Spielgeschehen. Eingebettet in eine Coming-of-Age Erzählung und eine wieder aufflammende Freundschaftsbeziehung zwischen Max und Chloe wird das Spiel durch eine Mysterygeschichte und spirituelle Anzeichen durchsetzt. Alles wird dazu noch in eine „Schweigen der Lämmer“ ähnliche Story eingebettet. Wenn man die englischsprachigen Interviews im Nachhinein mal mit den Entwicklern liest und sich darüber klar wird, dass z.B. Square Enix anfangs es gerne gehabt hätte, dass Max ein Junge sein sollte und Chloe mehr Busen hätte haben müssen, ist man froh das DONTNOD (der Entwickler) dieses Spiel nicht auf den Massenmarkt zugeschnitten hat. Das Spiel wird durch die beiden Charaktere getragen und diese entwickeln durch das Weglassen auf Quicktime-Events und adrenalindurchzogene Passagen eine außerordentliche Tiefe und Charakterzeichnung. Zwar sind diese stark klischeebehaftet, aber jeder Spieler kann sich in die Rollen gut hineinversetzen. Während das „Time-Travel“ Feature behutsam eingesetzt werden kann, wird deshalb dadurch die Geschichte auch nicht zu fantasyhaft aufgebauscht, sondern dreht sich v.a. in der Gedankenwelt von Max ab.

Das Gameplay ist sehr einfach gehalten und es handelt sich dabei um kein meisterliches Handwerk. Das ist auch okay. Während Grafik und Lippensynchronizität der Charaktere unterdurchschnittlich erscheinen, kann Life is Strange v.a. mit der Geschichte und den Gefühlen jeden Spieler packen.

Das Spiel setzt gekonnt interessante Storytwists ein, spielt mit den Emotionen des Spielers, lässt ihn jubeln, ärgern und weinen. Dieser Emotionsmix kann heute durch so viele Triple-A Produktionen nicht erreicht werden, sondern man findet diese Spielerperlen eher im Indiegenre (siehe auch To the Moon).

Man merkt DONTNOD an, dass die Geschichte und die Dramaturgie etwas aufbauen sollte. Während man den „Dark Room“ auch ganz anders interpretieren könnte und das evtl. auch Missbrauch eine Rolle gespielt hätte, haben sich hier DONTNOD wohl eher dem Rat des Publishers Square Enix gebeugt und deshalb auch die Gesamtstory arg biegen müssen. Immerhin sollte das Spiel verkaufbar bleiben und mit der Angst der zu heftigen Alterseinstufungen was bei Sexualität erfolgt wäre, wäre dies wohl eher zu einem Problem geworden. Wer darüber hinaus die Interviews mit den Entwicklern verfolgt hat, wird feststellen dass die gesamte Story mit ihren Twists und ihrem Ende bereits feststand bevor die Produktion am Spiel begann. Erst dann ist DONTNOD auf Publishersuche gegangen und dort meinte man wohl, aufgrund der zu „harten“ Szenen dass durchaus zu Gefahren im Vertrieb kommen könnte. Also beschloss man die etwas erwachsene Geschichte zu entschärfen und baute hier und da einige Personen und deren Beweggründe um. Obwohl in den USA das Spiel trotzdem ein MATURE Rating erhielt (aufgrund der Darstellung von Drogen), könnte man überlegen ob diese Umbaumaßnahmen im Nachhinein gerechtfertigt gewesen wären.

Life is Strange bedient sich bei vielen anderen Medien seiner Zeit. Viele wurden schon genannt wie Twin Peaks oder vieles aus Donnie Darko. Die Zugsequenz entstammt zum größten Teil aus dem grandiosen Coming of Age Film „Stand by Me“.

Das größte und zugleich markanteste Merkmal dieses Spiels, ist die Abstimmung von Spielszenen und Musik. Die Auswahl des hervorragenden Soundtracks gehört deshalb zu einen der Hauptgründe warum dieses Spiel ein Kritikerliebling und deshalb auch das Prädikat „wertvoll“ erhält. Leider spielen wir heute viele Spiele ohne lizenzierte Musik. Doch gerade Musik geknüpft an Schlüsselmomenten im Spiel erzeugen Emotionen in jedem von uns und die Entwickler haben durch die Auswahl von vielen verschiedenen Independent Rock Stücken deshalb auch eine richtige Entscheidung getroffen. Um die Stimmung der Jahreszeit, der Gefühlswelt von Max und den bis dahin beschissenen Leben von Chloe u.a. verstehen zu können, setzen deshalb diese Musikstücke dort an und fangen erlebten Eindrücke ein, intensivieren sie und machen sie dadurch für jeden von uns greifbar. Die Kombination aus Soundtrack und Spiel machen deshalb Life Is Strange in der Tat einzigartig.

Zum Ende des Spiels merkt man ein wenig das die Luft ausgeht. Wahrscheinlich auch geschuldet an der notwendigen Umarbeitung der fertigen Story. Die Beweggründe des Antagonisten sind etwas fahrig. Zumal die eingesetzten Mittel und Kosten den Aufwand nicht rechtfertigen. Die gezeigte Kulisse in Episode 5 zu Beginn hätte wahrscheinlich auch für andere Betätigungen genutzt werden können. Bis zur finalen Entscheidung zeigt uns das Spiel das bisher erlebte und teilt nochmals die Erfahrung. Und dann tut es etwas was nicht sein dürfte. Wir werden vor die Wahl gestellt. Eigentlich, wenn man ehrlich zu sich ist, gibt es keine Wahl und nur eine richtige und logische Entscheidung. Man kann dies auch anmerken, dass die „andere“ Entscheidung im Abspann deutlich kürzer und auch inhaltlich unlogischer erscheint. Denn die Protagonisten laufen genau auf das richtige Ende hinaus und dann stellt das Spiel diese unnötige Entscheidung dem Spieler.
Der „letzte Weg“ den man durchläuft bis zum Finale versucht auch zwanghaft und gekünstelt nochmals eine emotionale Bindung aufzubauen und scheitert dabei jedoch, dass die Antwort dann auf die Frage nicht durch die eigene Gefühlswelt erklärbar sein kann. Zumal auch offensichtlich im letzten Dialog klargemacht wird, dass es nur eine Entscheidung geben könnte und man mit einer anderen nicht leben könnte.

Fazit:
Life Is Strange ist und war eine gelungene Abwechslung zum Einheitsbreit des Spielemarkts. Es überzeugt weder durch hervorragendes Gameplay noch durch eine grandiose Hintergrundgeschichte. Die Stärken des Spiels liegen klar in der Zeichnung der Charaktere, der emotionalen Bindung an Geschehnisse, Entscheidungen die im weiteren Verlauf geringfügige Auswirkungen haben und der geniale Soundtrack der die Stimmung hervorragend einfängt. Life Is Strange lässt sich Zeit und das ist mittlerweile leider ein Novum in der heutigen Zeit. Das Spiel unterstreicht die Wichtigkeit unseres Kulturguts Spiel und sollte es deshalb auch als Referenz herangezogen werden, wie intensiv und interaktiv dieses Medium gegenüber Buch und Film bestehen kann. Es unterscheidet sich grundsätzlich von vielen Spielen, da wir regelmäßig mit Situationen konfrontiert werden die jedem von uns auch in seinem persönlichen Alltag widerfahren können. Wie entscheiden wir wirklich? Niemand kann dies für uns tun, sondern wir sind am Abzug und müssen unsere Wahl treffen. Es ist ein interessantes Gedankenexperiment was hier umgesetzt wurde, um uns mit Konflikten wie Suizid, Aufopferung und Vertrauen zu konfrontieren. Wer sich auf dieses kurzweilige Spiel einlassen möchte wird durch eine Achterbahnfahrt an Gefühlen gejagt und wird am Ende überzeugt sein, dass die Stärken des Medium Spiels mit diesem Beispiel einen überzeugenden Vertreter gefunden haben. Gebt deshalb Life is Strange die Aufmerksamkeit und spielt dieses Spiel, damit wir auch zukünftig in dieser Art und Weise unterhalten werden können, auch mit dem Einverständnis darüber, dass dies kein Mainstream Titel sein möchte.
Posted February 5, 2017. Last edited February 5, 2017.
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